CHARACTER STILLS | Oliver Abraham

06.-23.09.2012: Mit seiner analogen Großbildkamera trifft Oliver Abraham,
Meisterschüler von Prof. Arno Fischer, in Berlin seit 2004 Musiker, Künstler und Regisseure: nicht um sie kennenzulernen, sondern um sie zu fotografieren.


Mal ist es ein klares Gesicht, das uns bekannt scheint, mal ein Name wie „Jeff Koons“, der unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht und dessen eigenes Werk bildlich präsenter ist als das Antlitz des Künstlers selbst. Dabei ist ihm vor allem wichtig, dass der zu Porträtierende den Bildrahmen füllt – nur er. Ein plan-weißer Hintergrund, der Verzicht auf Attribute oder künstliches Licht, auf Posen und Kostümierung verstärken die Wirkung des Gesichtes und der Körperhaltung des Abgebildeten. Manche von ihnen schauen den Betrachter direkt an, andere verstecken sich hinter ihren Haaren oder wenden ihren Blick ab – automatisch versuchen wir daraus Schlüsse über Charaktereigenschaften und Persönlichkeit zu ziehen.

Wieder und wieder stellt sich die Frage nach dem „über-das-Äußere-ins-Innere-Blicken“, die das Portrait in der Bildgeschichte schon immer aufgeworfen hat: Wie viel von der abgebildeten Person können wir wirklich in ihrem Porträt sehen? Genügt die nicht-inszenierte Fotografie als dokumentarischstes aller Bildmedien, um einen Menschen zu beschreiben? Richard Avedon, einer der bedeutendsten Fotografen der amerikanischen Mode- und Portraitfotografie und einflussreiche Inspirationsquelle Abrahams, sagte einmal, eine Fotografie zeige nie die Wirklichkeit, da sich die fotografierte Person im Moment des Fotografierens immer bewusst sei, gerade fotografiert zu werden.

Um dieses Bewusstsein wenigstens ein bisschen zu umgehen, bemüht sich Abraham, schnell und unkompliziert zu arbeiten: seine Protagonisten spricht er meist direkt an, andere erlauben selbst nur limitierte Aufnahmen. Manchmal sucht er sich erst vor Ort einen Assistenten, der ihm beim Aufbau des Sets hilft. Patti Smith ließ nur sechs Fotos von sich machen, bei David Lynch reichten vier und John Malkovich hatte zu wenig Zeit für ein ausgedehntes Shooting – Komponenten, die Abraham entgegenkommen, arbeitet er doch vor allem aus dem Zufall und der Unvorbereitetheit eines Treffens heraus. Damit raubt er seinen Protagonisten außer der eigenen Mimik und der Kleidung am Körper die Möglichkeit zur Selbstinszenierung – einer Disziplin, die im Leben eines Künstlers schnell zur Königsdisziplin wird.

Der Hintergrund bleibt immer weiß und das Portrait generell schwarz gerahmt durch die Bildauswahl beim Entwickeln. Genau diese Rahmung, dieser bildinhärente Verweis auf das analoge Abzugsverfahren, eröffnet den Bezug zu Fotografen wie Richard Avedon und David Bailey – zu denen Abraham in der Tradition großer Fotokunst einen Bogen schlagen will.

Ausstellungszeitraum: 07.-23. September 2012
Vernissage: 06. September 2012, 19-22h / der Künstler ist anwesend